Der BTMT-Blog
Mit dem BTMT-Blog bieten wir eine Online-Plattform, die Managementthemen vor allem der Kunststoffindustrie nicht in wohlfeile Worte und hoch-komplexe Konzepte kleidet, sondern ganz pragmatisch auf den Punkt bringt. Probleme, Ziele und Lösungen – hier steht, wie es ist und wie es sein muss. Nicht, wie es vielleicht irgendwann einmal sein könnte. Denn das Ergebnis zählt.
Probleme kann man nicht mit Software lösen - eine Tragödie in drei Akten
Ziehen Sie bitte den Stecker! Denn nicht jede Tragödie muss bis zum bitteren Ende gespielt werden – insbesondere, wenn sie statt auf der Bühne in Ihrem Unternehmen stattfindet und dort eine unerquickliche und sehr teure Endlos-Soap zu werden droht.
Lassen Sie uns also vom (falschen) Umgang mit der modernen Datenverarbeitung sprechen. So wie er uns häufig und in fast allen Abteilungen eines Unternehmens begegnet. Und zwar immer dann wenn versucht wird, Probleme nicht an der Wurzel sondern mit Software zu lösen …
Prolog: Vertrauen, wo es nicht hingehört
Zwei Schlüsselerlebnisse haben meine Sichtweise auf die EDV grundlegend geändert und bis heute nachhaltig geprägt:
- Als Student musste ich gemeinsam mit Kommilitonen eine Füllstudie für spritzgegossene Einwegtassen rechnen. Dank allerlei High-Tech und moderner Software konnten wir als Ergebnis dreidimensionale und sehr effektvolle Farb-Plots präsentieren. Wer jemals einen solchen Farb-Plot in den Händen hatte wird nur schwer glauben, dass der Informationsgehalt oft nicht das Papier wert ist auf dem er gedruckt ist. Obwohl alle unsere Rechnungen konvergierten und der Computer nicht aufhörte, bunte 3D-Bilder zu produzieren, jagte uns der Professor damit zum Teufel. Die Berechnungen basierten nämlich auf falschen Annahmen. Eine einfache Plausibilitätsprüfung mit Taschenrechner hätte uns das gezeigt.
- Bei Philips arbeitete ich an der Implementierung von Produktionsplanungs- und Steuerungssoftware in kunststoffverarbeitenden Betrieben. Dabei habe ich gelernt: Bei der automatischen Fertigungsplanung und -steuerung liegen Theorie und Praxis meist weit auseinander. Und dennoch vertrauen die Anwender fast immer blind der Software.
Nehmen wir einmal an, in einem Unternehmen läuft es nicht richtig rund. Vielleicht nicht so schlimm, dass es eskaliert, aber die Probleme häufen sich. Aufträge werden zu spät erledigt, das eine oder andere Material kommt nicht zum richtigen Zeitpunkt und die Frühschicht, die nach den Osterfeiertagen die Produktion starten soll, ist nur zum Teil beschäftigt, da die richtigen Kartonagen fehlen. Außerdem läuft die Produktion seit geraumer Zeit den Terminen hinterher, ohne sie aufzuholen. Vielleicht ahnt auch schon der eine oder andere, dass hier nicht die Optimalbesetzung an den Themen arbeitet. Außerdem gibt es für jeden Einzelfall reichlich gute Erklärungen, warum die Dinge eben so laufen wie sie laufen. Ach ja - und dann gibt es noch eine große Plantafel. Allerdings setzt diese langsam Staub an.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Erster Akt: Eine Planungssoftware muss her
Das leuchtet jedem ein. Eine teure Software, intelligent an das bestehende ERP-System angebunden, wird mehrstufige Fertigungsprozesse und Kapazitäten in einer absolut sicheren Planung zusammenfassen.
Zumindest lautet so die Theorie.
Allerdings sei die ketzerische Frage erlaubt, was hat sich denn eigentlich geändert?
Außer, dass jetzt ein paar Computeralgorithmen automatisch rechnen?
> die Mannschaft?
> die Schnittstellen?
> die Abläufe?
> das Verständnis?
> die Kommunikation?
Vieles davon sicherlich nicht! Wahrscheinlich ist es ein bisschen unübersichtlicher geworden. Schließlich ist die Plantafel, früher für jeden zugänglich, jetzt auf Bildschirmgröße geschrumpft. Und so ist die Anfangseuphorie dann auch schnell verflogen...
Zweiter Akt: Der Turbo wird zugeschaltet
Vorhang auf! Jetzt kommt die Stunde der Programmierer. Und da gibt es noch viele Schrauben an denen man drehen kann. Mehrere Fertigungsstufen iterativ planen? Wie sieht's beim Rüsten aus? Wäre es nicht gut, die optimale Rüstreihenfolge zu programmieren? Gleiche Breiten, ähnliche Farben und immer von hell nach dunkel. Verschachtelt, mit Wunschmaschine, Ausweichmaschine und neuem Betriebskalender. Die Dispo automatisch. Etwas mehr Puffer über die Wiederbeschaffungszeit einstellen. Und natürlich werden alle Restmengen in Echtzeit berücksichtigt.
Früher, als die Computer noch langsamer waren, stiegen plötzlich die Rechenzeiten der Planungsrechner exponentiell an. Heute, mit schnellen Computern, merkt man es nur noch an einer exponentiellen Verschlechterung der Planungsergebnisse: Vorsicht, da braut sich etwas zusammen.
Dritter Akt: Durchwursteln
Es ist erstaunlich. Häufig endet der dritte Akt nicht im totalen Overkill, sondern damit, dass man sich irgendwie mit einem Stand X arrangiert und dann durchlaviert.
Keinesfalls wird die Einführung der Planungssoftware in Frage gestellt. Schließlich läuft diese auch in 1.000 anderen Betrieben und hat sehr viel Geld gekostet. Und diejenigen, die sich für die Investition stark gemacht hatten, werden ohne Zweifel eine „Fehlentscheidung“ nicht akzeptieren (wollen).
Gar nicht so selten entwickeln sich in diesem "nicht eingeschwungenen Zustand des labilen Gleichgewichts" parallele, wie auch immer geartete Zweit- und Drittplanungen, deren Informationen und Erkenntnisse mühevoll wieder in den Planungsrechner zurück gefüttert werden müssen.
Klingt das paradox? Leider geschieht dies viel häufiger als man denkt.
Mittlerweile haben sich die Aufgaben durch die ständige Pflege und Rückpflege vervielfacht. Die Arbeitsbelastung steigt, ohne davon etwas im Ergebnisse zu spüren. Die Stimmung sinkt und schnell kommt die Erkenntnis, dass den Gau nur zusätzliches Personal verhindern kann.
Schnitt – erst einmal bei den Grundregeln anfangen
Was wir in einem solchen Fall machen? Den Stecker ziehen. Mit der Gewissheit, so etwas schon oft durchgestanden zu haben. Dann den Taschenrechner raus, die Plantafel abstauben und alle an einen Tisch. Anfangen bei den Grundregeln – schlechter kann es nicht werden.
Und erst, wenn in der Praxis alles so funktioniert wie in der Theorie, schauen wir uns alle einmal gemeinsam die Software an und überlegen, wie wir diese sinnvoll einsetzten können, damit sie das tut, was sie tun soll: die Planung unterstützen, aber nicht den Planer ersetzen.






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